Marek Fink im Austausch mit Jugendlichen.

„Gewalt, Mobbing und fehlende soziale Kompetenzen treffen auf überlastete Schulen, mangelnde Ressourcen und unklare Zuständigkeiten“, sagt Marek Fink, Gründer des Vereins Zeichen gegen Mobbing e. V. und als Jugendlicher selbst betroffen. Seit acht Jahren setzt er sich für ein besseres Miteinander ein und bietet Schulklassen wirkungsvolle Maßnahmen an – diesen Sommer wird das Anti-Mobbing-Team die Marke von 10.000 betreuten Schüler:innen erreichen. 

Am 22. Februar, dem jährlichen "Behaupte-dich-gegen-Mobbing"-Tag, möchten wir die Angebote aus dem niedersächsischen Gronau (Leine) vorstellen.

Bystander-Effekt ermöglicht Mobbing

Die aktuelle PISA-Studie zeigt: 21 Prozent der 15-jährigen Schüler:innen in Deutschland erleben mehrmals im Monat Mobbing. Meistens geschieht dies im Schulumfeld.

Die Fallzahlen schwanken, denn Fälle von (Cyber-)Mobbing an Schulen fallen bis jetzt nicht unter die Meldepflicht. Außerdem gibt es keine einheitliche Definition von Mobbing. Für den Verein Zeichen gegen Mobbing e. V. müssen fünf Anzeichen gegeben sein:

1.    Gewalthandlung (physisch oder psychisch)
2.    Kräfteungleichgewicht
3.    Häufigkeit: mindestens einmal pro Woche
4.    Zeitraum: mindestens einen Monat lang
5.    Hilflosigkeit

Mobbing geht über das Fehlverhalten eines Einzelnen hinaus. Es ist ein Gruppenphänomen, bei dem Menschen Dominanz und soziale Macht erproben. Wenn Zuschauende nicht eingreifen, entsteht für Mobbende der Eindruck sozialer Akzeptanz. Dieses Ausbleiben von Hilfe lässt sich durch den sogenannten Bystander- oder Zuschauer-Effekt erklären: Je mehr Menschen eine Situation beobachten, desto geringer fühlt sich die einzelne Person verantwortlich zu handeln.

Mobbing hat viele Gesichter: Die Angriffe sind oft leise und subtil, kleine Sticheleien, die humorvoll verpackt harmlos erscheinen sollen. Doch die Seele der betroffenen Kinder und Jugendlichen leidet dauerhaft.

Psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen und Schlafstörungen treten auf, ebenso Schulverweigerung, geringes Selbstwertgefühl, Angstzustände, Depressionen und sogar Suizidgedanken. Mehr als ein Viertel der betroffenen Jugendlichen erwägt Suizid als vermeintlichen Ausweg. Hochgerechnet betrifft dies bundesweit über eine halbe Million junger Menschen.

Lehrkräfte sind verpflichtet, jedem Kind einen gewaltfreien Schulalltag zu gewährleisten und die Schüler:innen bestmöglich zu schützen. Mobbing zu beenden, kann jedoch aufwühlen und überfordern, daher ist professionelle Hilfe wichtig. Die größte Herausforderung liegt darin, Mobbing zu erkennen.

Präventionsangebote mit Wirkung

Ein erster Schritt, um Mobbing zu erkennen und zu beenden, ist immer das Gespräch mit Betroffenen und Tätern, ein echtes Zuhören, ohne Schuldzuweisung und Strafen, und unter Einbeziehung der Eltern. Hier setzt die Arbeit von Zeichen gegen Mobbing e. V. an. Ein Team von 22 Personen begleitet Schulen bei akuten Mobbingfällen und bietet Präventionsprogramme. Die TRIBUTE TO BAMBI förderte den Verein mit 18.000 Euro und ermöglichte dadurch 22 Workshops. Auch Krankenkassen unterstützen den Verein, da sie die hohen Folgekosten von Mobbing längst erkannt haben.

Das Ziel ist, Lernorte aktiv mitzugestalten, an denen sich Schüler:innen wohlfühlen können, ohne Angst vor Angriffen zu haben. „Wir glauben daran, dass jede Klassengemeinschaft Veränderung möglich machen kann, wenn Schüler:innen Verantwortung für ihr Miteinander übernehmen, wenn Lehrkräfte gestärkt und begleitet werden und Eltern einbezogen sind“, sagt Marek Fink.

Das Erfolgsrezept: Empathie, gemeinsame Regeln, eine wertschätzende Umgebung und Anerkennung sind wichtig, doch im Zentrum steht die Förderung der Selbstwirksamkeit. Sie befähigt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Vergangenes Jahr begleitete Zeichen gegen Mobbing e. V. 69 Klassen an 22 Schulen in sieben Bundesländern. Insgesamt nahmen 1582 Schüler:innen teil. Auffällig ist der jüngste Anfragenanstieg von Grundschulen.

Eine Schule wird mobbingfrei, wenn sie seelische und körperliche Gewalt früh erkennt, Betroffene schützt und alle Verantwortung für ein gutes Miteinander übernehmen. Wer Mobbing verhindern will, muss über Gefühle sprechen. In Zeiten der gesellschaftlichen Polarisierung und des schwindenden Dialogs ist das eine große Herausforderung, denn Kinder lernen in der digitalen Welt, dass zugespitzte Meinungen und das Lächerlichmachen anderer viel Aufmerksamkeit erregen. Um Mobbing zu verringern, spielen also auch Erwachsene und öffentliche Institutionen eine entscheidende Rolle als Vorbilder. 

Schulen sollten angstfreie Orte sein, und dazu können wir alle beitragen.